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Handel – Brockes-Passion, HWV 48
Academy of Ancient Music, Leitung: Richard Egarr
Choir of AAM, Elizabeth Watts, Robert Murray, Cody Quattlebaum, Gwilym Bowen, Tim Mead, Ruby Hughes, Nicky Spence, Rachael Lloyd, Morgan Pierse
Aufgenommen im April 2019, AAM007
3 CD und 220 S. Booklet in Schuber, im Vertrieb von Naxos
… vortreffliches geistliches Oratorium …

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TitelseiteBarthold H(e)inrich Brockes (Hamburg 1680–ebda. 1747) war Dichter und ist heute hauptsächlich bekannt für seine Gedichtesammlung „Irdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten“, die bis 1748 in neun Bänden erschienen ist. Sein Vater (Bernard Brockes) stammte aus einer angesehenen und wohlhabenden hanseatischen Kaufmannsfamilie, aus deren Kreis zwei Bürgermeister von Lübeck hervorgegangen sind.
Hier vier Strophen aus einem der Gedichte (aus „Irdisches Vergnügen in Gott“):

Ich sahe mit betrachtendem Gemüte
jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte,
in kühler Nacht beim Mondenschein;
ich glaubt, es könne nichts von größerer Weiße sein.

Es schien, als wär ein Schnee gefallen;
ein jeder, auch der kleinste Ast,
trug gleichsam eine rechte Last
von zierlich weißen runden Ballen.

Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt,
– indem daselbst des Mondes sanftes Licht
selbst durch die zarten Blätter bricht –
sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.

Magda Marx-Weber, die Autorin des Artikels „Barthold Heinrich Brockes“ [in https://de.wikipedia.org/wiki/Barthold_Heinrich_Brockes] meint, „Der Ton des Irdischen Vergnügens traf zwar durchaus auf breite Zustimmung und fand Nachahmer, wurde aber zum Beispiel von Johann Jakob Breitinger und Johann Christoph Gottsched bereits kritisiert und im Zuge der literarischen Aufklärung dann zunehmend als dürftig und nichtssagend angesehen; zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Autors wusste man dieser Dichtung nichts mehr abzugewinnen.“ Und tatsächlich wirkt Brockes‘ Gedicht irgendwie „aus der Zeit gefallen“, hölzern. Die beiden ersten Zeilen (Gemüte—blühte) könnten zudem – man erlaube dem Rezensenten diese Plattitüde! – als Gedicht von Heinz Erhardt (1909–1979) weitergeführt werden.

Marx-Weber beschreibt weiter: „Diese Sammlung von GedichtenBrockes Passion CD und Kantaten [sc. „Irdisches Vergnügen in Gott“] hat nur ein Thema: die Erkenntnis Gottes in seiner Schöpfung. Ausgehend von William Derhams Physio-Theologie sieht Brockes die Herrlichkeit des Schöpfers noch im kleinsten Detail der Natur, die er mit einer an den aufblühenden Naturwissenschaften geschulten Genauigkeit beschreibt.“ [in: MGG2, Personenteil Bd. III, Sp. 958] So änderte die in ihrem Einfluss an Wichtigkeit gewinnende literarische Aufklärung die Sicht der Dinge und ihre Darstellung.

Nun ist Brockes nicht nur für seine weltlichen Gedichte bekannt, sondern auch durch sein Passions-Libretto „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“, das 1712 in einer Vertonung von Reinhard Keiser (1674–1739) erstmalig aufgeführt worden ist. Für Brockes selbst „gehörte die Musik zu den Dingen, mit deren Pflege man sich »in Estime setzen und beliebt machen« konnte.“ Selbst komponiert hat er nicht, wohl aber zeichnete er für musikalische Veranstaltungen in Hamburg verantwortlich.

Nach Keiser haben andere Komponisten den Text der Passion von Barthold H(e)inrich Brockes verwendet, unter ihnen Georg Friedrich Händel (1685–1759), Johann Friedrich Fasch (1688–1758), Gottfried Heinrich Stölzel (1690–1749), Georg Philipp Telemann (1681–1767) und andere. Auch Johann Sebastian Bach hat sich, was seine Johannes- und Matthäus-Passionen angeht, in einzelnen Sätzen an Brockes erinnert.

Für die vorliegende Aufnahme ist zunächst eine neue Ausgabe des Werks angefertigt worden, die in Details von der Bärenreiter-Ausgabe abweicht (Kritische Ausgabe in der „Hallischen Händel-Ausgabe“ von 1965). Alle verwendeten Quellen werden erwähnt und in ihrer Bedeutung bewertet, alle (musikalischen) Schreibweisen sind berücksichtigt – auch die der Textquellen, bei denen die gesungenen Versionen „with word forms (spellings, capitalisation and so on) updated to reflect modern practice“ ausgeführt werden Unter „modern practice“ ist allerdings nicht die Rechtschreibung gemeint, die hier seit 1996 als „Neue Deutsche Rechtschreibung“ benutzt werden soll. Das mitgelieferte Booklet enthält einen „KURRENTSCHRIFT/TEXT“ und einen „Sung Text“, also die letztendlich aufgeführte Textversion. Kurrent (von lat. currere, laufen) war eine Schreibschrift, die allgemein verbreitet war und noch lange in Benutz bleiben sollte. Die Textversion der Handschrift RM.19.d.3, eines von zwei vollständigen Manuskripten des Werks im Besitz der British Library, hat Richard Egarr als verbindlich für die Neuausgabe der AAM ausgewählt. Sie wird einem einzigen Schreiber, RM4, zugeschrieben.

Soweit zu den Vorarbeiten zur Brockes-Edition. Was die praktische Aufführung angeht, treten Orchester und Chor der Academy of Ancient Music in großer Besetzung auf – allerdings keineswegs ohne die Besetzungsfrage vorher eingehend diskutiert zu haben. „There has been much discussion in recent years about the limited forces that J.S. Bach had available to him in Leipzig, and it might be tempting to assume that the same would be true of Hamburg, where Handel’s Brockes-Passion was first performed“. Johann Scheibe, der sich mit den musikalischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Hamburg bestens auskannte, meinte in der Musikzeitschrift „Critischer Musicus“: „Die Singstimmen sollen auch wo möglich, mehr als einmal bestellet seyn, weil sich die Chöre sonst gar nicht ausnehmen“, – „where possible more than one voice to a part should be engaged, otherwise the choruses can’t make themselves heard.“ Und die Academy of Ancient Music war tatsächlich, was sowohl Orchester als auch Chor angeht, bei den Aufnahmen zur Brockes-Passion großzügig besetzt (Filmmaterial unter www.youtube.com/acadofancientmusic). Vermutlich kann man sich auf eines verlassen: They have been heard – in 1719 and 2019.

Alexander Van Ingen weist im Booklet der Edition darauf hin, dass Johann Mattheson über die Hamburger Kirchengemeinden leicht an mitwirkende Sängerinnen und Sänger kommen konnte, auch über die Hamburger Oper am Gänsemarkt, wo er zu der Zeit für die Musik verantwortlich war. Aber offenbar gab es in Hamburg keine personellen Engpässe, wie wir sie in Leipzig schon kennengelernt haben … und warum sollte Richard Egarr sich mit einem schmaler besetzten Ensemble zufriedenstellen, wenn „Capellmeister Hendel“ bei der Uraufführung seiner Passion vor fast präzise dreihundert Jahren auch eine volle Musikertruppe dirigieren konnte? Und warum sollte er uns, seinen Zuhörern, ein so üppiges Vergnügen vorenthalten, wie die Brockes-Passion mit vollem Chor und Orchester?

Angekündigt war für den 31. März 1719 ein „vortreffliches geistliches Oratorium“, und genau das ist vermutlich damals – vor rund dreihundert Jahren – auch geliefert worden. Wir     wissen es nicht, keiner war dabei, aber uns stehen zahlreiche Hinweise zur Verfügung, die verraten, dass es wirklich „vortrefflich“ gewesen sein muss.

An Gesangssolisten stand die Crème de la Crème der Szene auf den Bühnen der Londoner Henry Wood Hall und der Barbican Hall, als die Aufnahmen zur Barockes-Passion entstanden. Das Gleiche gilt für die Instrumentalisten, die als Spieler eher seltener Instrumente, die nicht ins „normale“ Orchester-Instrumentarium gehören, mitgewirkt haben. Gemeint sind hier vor allem die Musiker der in ihrer Besetzung wechselnden Continuo-Gruppen, bei denen unter anderen Alex McCartney (Theorbe) mitgewirkt hat. Aber halt, die Zeiten sind lange vorüber, als es schwierig und manchmal unmöglich war, Spieler von Theorbe oder Chitarrone für Aufnahmen oder Aufführungen zu engagieren. Es gab damals zu wenige davon und die waren nicht unbedingt im Continuo-Spiel ausgebildet, sondern hauptsächlich bis ausschließlich solistisch.

Aber die Situation hat sich grundsätzlich geändert. Ein Grund dafür ist, dass die musikwissenschaftliche Disziplin, die man als „Historische Aufführungspraxis“ kennt oder auch als „Historisch informierte Aufführungspraxis“ immer weiter verbreitet und an Universitäten und Musikhochschulen gelehrt wurde. Was die praktische Musikausübung angeht, wurde immer mehr auf historischen Instrumenten oder auf Nachbauten gespielt, danach immer mehr Forschungsprojekte auf den Gebieten Spieltechnik, Tempi oder beispielsweise Tanzformen initiiert.

Eine an historischen Vorbildern orientierte Aufführungspraxis wurde zum normalen Umgang mit alter und auch der weniger alten Musik. England war, was diese Entwicklung angeht, lange Vorreiter. Die neue Aufnahme der Brockes-Passion jedenfalls ist in jeglicher Weise vorbildlich und … sie ist ein himmliches Vergnügen!