IMG 2890 beschnittenPASSIO – Music for Holy Week & Easter
Werke von Allegri, Johann Sebastian Bach, Telemann, Schütz, Gesualdo, Pasquini, Sturla, Händel, Haydn, Palestrina, Pergolesi, Tallis, Arvo Pärt, Carl Philipp Emanuel Bach
Diverse Interpreten, aufgenommen zwischen 1978 und 2013, erschienen ℗ 2018
BRILLIANT CLASSICS, 25 CDs in Schuber, 95653
… Technisch wie musikalisch […] von höchster Qualität …

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Passionen sind Berichte vom Leiden und Sterben Jesu, wie sie uns von den Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes im Neuen Testament überliefert sind. In den frühen christlichen Jahrhunderten sind diese Passionen in der Karwoche und an Ostern im Rahmen von Prozessionen zu den heiligen Stätten in Jerusalem verlesen worden. Später wurden sie dann gesungen und veränderten sich dabei entsprechend den jeweils vorherrschenden stilistischen Gegebenheiten und Moden. Und sie wurden erweitert. Kontemplative Elemente wie Choräle und Arien kamen hinzu. Diese waren nicht handlungstragend, sondern kommentierten das „Geschehen“.

Dass die Passionsgeschichte „mit verteilten Rollen“ gesungen und vorgetragen wird, wie wir es heute kennen, geht auf vorreformatorische Praktiken zurück, wurde aber nach Luther übernommen und zum Standard. Vorher ist die Passionsgeschichte in lateinischer Sprache und im Duktus des Gregorianischen Chorals gesungen worden.

Im Sühneopfer am Kreuz erfüllt der Messias seine göttliche Mission für das Heil der Menschen und offenbart sich auf diese Weise als Gottes Sohn. Dies unterstreicht die zentrale Bedeutung des Ostergeschehens für das Kirchenjahr und erklärt die Ansprüche, die an die künstlerische Ausgestaltung speziell der Passionsmusiken gestellt worden sind und werden. Dass wegen eben dieser Bedeutung immer schon Komponisten ersten Ranges an der musikalischen Ausgestaltung von Passionen mitgewirkt haben, versteht sich von selbst.

Heute werden eigentlich nur noch die Passionsmusiken von Johann Sebastian Bach regelmäßig aufgeführt – besonders (natürlich) zur Osterzeit aber nicht nur! In der Kölner Philharmonie wird seit vielen Jahren jeweils am Karfreitag die Matthäus-Passion (BWV 244) gegeben – gespielt traditionsgemäß vom Gürzenich-Orchester und gesungen von unterschiedlichen Solisten und Kölner Chören, etwa dem Bach-Verein. Ähnliche Traditionen gibt es in zahlreichen anderen Städten – in Ostdeutschland häufiger noch als beispielsweise hier im „Heiligen Köln“, wo man seit Jahrhunderten eher katholisch ist.
Bachs Johannes-Passion (BWV 245) wird dabei häufiger aufgeführt, als die deutlich komplexere Matthäus-Passion desselben Komponisten. Die Johannes-Passion ist von Kantoreien und Kirchenchören eher zu bewältigen, weil sie deutlich kürzer und weniger aufwändig ist, was Chor- und Orchesterbesetzung angeht. Die doppelchörige Matthäus-Passion wurde am Karfreitag des Jahres 1729 in der Thomas-Kirche zu Leipzig zum ersten Mal aufgeführt … vielleicht aber auch zwei Jahre vorher, 1727, das weiß man nicht genau.

Drei weitere Passionsmusiken hat Johann Sebastian Bach geschrieben, wie wir von seinem Sohn Carl Philipp Emanuel und von Johann Sebastian Bachs Schüler Johann Friedrich Agricola wissen (Erste Informationen in dem Nekrolog „Musikalische Bibliothek, oder Gründliche Nachricht nebst unpartheyischem Urtheil von Musikalischen Schriften und Büchern“, Leipzig 1754). Eine „Markuspassion“ von Johann Sebastian Bach wird gelegentlich aufgeführt, sie ist aber nur bruchstückhaft überliefert und gilt als apokryph. 2013 ist sie von der Hannoverschen Hofkapelle unter Jörg Breiding erneut aufgenommen worden (erschienen 2014 bei RONDEAU Production ROP 7015/7016). In der vorliegenden Sammeledition bei BRILLIANT Classics ist sie nicht enthalten, ebenso wie die beiden noch ausstehenden Passionen, die CPE Bach und Agricola erwähnen. Eine davon soll auf den Text des Evangelisten Lukas zurückgehen und ist sogar unter der Nummer 246 in Wolfgang Schmieders BWV verzeichnet … mittlerweile aber als unecht enttarnt. Eine fünfte Bach-Passion ist unter dem Titel „Weimarer Passion“ bekannt gewesen, gilt aber als verschollen.

Mit den beiden Passionsmusiken von Johann Sebastian Bach sind die bekanntesten Werke dieses Genres erwähnt – sie sind natürlich in der vorliegenden Sammlung enthalten. Von Georg Philipp Telemann ist noch ein Passions-Oratorium mit dem Untertitel „Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu“ (TWV6:6) bekannt, auch je eine „Matthäus-Passion“ von Heinrich Schütz (SWV443) und Georg Philipp Telemann (TWV 5:31) – sie spielen aber, wenn wir von nichts anderem, als von Aufführungsstatistiken reden, keine Rolle, weil sie vergleichsweise selten zu hören sind. Da hätte allenfalls der „Messias“ von Georg Friedrich Händel eine Chance, … der ist aber nicht wirklich eine Passionsmusik, sondern ein Oratorium, das nur teilweise die Passionsgeschichte zum Thema hat. Händel hat zwar sein Werk tatsächlich in der Fasten- oder Osterzeit auf den Spielplan gesetzt, noch zu seinen Lebzeiten wurde es aber mindestens in Dublin üblich, das Werk in der Adventszeit aufzuführen.

Was übrigens das Weihnachtsoratorium (BWV248) angeht – auch dieses Werk von Johann Sebastian Bach ist in der Sammlung „Passio“ enthalten – muss wohl nicht begründet werden, warum es „eigentlich“ nicht in die vorliegende Anthologie mit Passionsmusiken passen will. Schon der einleitende Chor mit dem Anfangstext:


„Jauchzet frohlocket!
Auf preiset die Tage.
Rühmet, was heute der Höchste getan!
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!
Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören.“

verrät, dass er thematisch nicht vom Leiden und Sterben Jesu handeln kann.

Natürlich sind nicht alle Aufnahmen für die insgesamt fünfundzwanzig CD mit – sagen wir – mehr als dreißig Stunden anspruchsvollster Musik neu und für diese Anthologie entstanden. BRILLIANT Classics hat sie ausgewählt, eventuell technisch überarbeitet, digitalisiert und schließlich von den jeweiligen Labels gekauft. Die älteste und einzige analoge Aufnahme in dem Gebinde ist die des „Stabat Mater“ von Joseph Haydn und 1978 entstanden – vor vierzig Jahren! Die Interpreten waren – neben den Solisten – der Kammerchor Stuttgart und das Württembergische Kammerorchester Heilbronn unter Frieder Bernius. Technisch wie musikalisch ist die Aufnahme – wie übrigens alle anderen der Sammlung – von höchster Qualität. Über die Programmauswahl kann man geteilter Meinung sein oder – sagen wir – über den Titel der CD-Edition. Denn es sind nicht alles Passionsmusiken, die uns vorgeführt werden. Andere Passionen dagegen, die eher in die Sammlung gepasst hätten, sind nicht enthalten.

Beispiel: Auf Seite 6 des Booklets heißt es: „Probably the best known Italian work in this genre is the St. John Passion by Alessandro Scarlatti.“ Dieses „best known Italian work“ ist leider nicht in die Sammlung aufgenommen worden … obwohl es als „Oratorio per la Passione di Nostro Signore Gesù Cristo“ in der Sammlung „Alessandro Scarlatti Collection“ beim gleichen Label (BRILLIANT Classics Nº 95500) erschienen ist. Dass auf der einen Seite das Weihnachtsoratorium als Passionsmusik aufgenommen ist und gleichzeitig außer Arvo Pärts „Passio Domini Nostri Jesu Christi secundum Joannem“, seiner Johannespassion, keine weitere Komposition nach 1800, ist eigenartig und nur durch die Kosten für Aufführungsrechte zu erklären, die eingespart werden sollen. Das ist freilich nicht verwerflich … allerdings auch nicht programmförderlich oder komponistenfreundlich.

Musik zwischen Bach und – sagen wir – Wagner oder Verdi ist allerdings abonnentenfreundlicher als die zwischen Schönberg und Strawinsky. Das ist so und hat nichts oder nur wenig damit zu tun, dass Schönberg und Strawinsky vor siebzig, achtzig Jahren als entartet gegolten haben und niemand sich getraut hat, ihre Musik zu hören. Oder vielleicht doch? Wie schnell und gründlich man Menschen in ihrem Denken und Empfinden beeinflussen oder gar gründlich umpolen kann, wissen wir seit den Nazis und seit Walter Ulbricht, der immer wieder beteuert hat, er habe keine Absicht gehabt, eine Mauer zu bauen. Lüge … aber schlimmer noch ist, dass die Leute ihm das abgekauft haben.

Nun ist es natürlich beim Bewerten einer Sammlung vom Format der PASSIO-Anthologie bei Brilliant Classics so, dass man, was die musikalische Ausführung der Werke angeht, nicht zu einem gemeinsamen Urteil kommen kann … gemeinsam, was die Bewertung durch die notwendigerweise zahlreichen Kritiker angeht, die aktiv und passiv beteiligt (gewesen) sind. Passiv? Gemeint sind zum Beispiel Katholiken, die a priori voreingenommen waren, wenn es um Aufführungen von „protestantischen“ Passionsmusiken ging. Martin Luther ist schließlich erst 1483 geboren, als die Katholische Kirche schon fast anderthalb Tausend Jahre alt war.

Außerdem sind da die Vertreter der „Historischen Aufführungspraxis“, die nicht nur vorgeben, auf „originalen Instrumenten“ zu spielen, sondern möglichst nach aufführungspraktischen Prinzipien der Entstehungszeit der jeweiligen Kompositionen. Sie sind heute keine absonderlichen Fantasten mehr wie vor dreißig, vierzig Jahren – trotzdem ist ihr Musizieren immer noch anders als das ihrer Mainstream-Kollegen, die heute Monteverdis „Orfeo” und morgen die Zauberflöte spielen (müssen). Da sind Meinungsverschiedenheiten kaum zu vermeiden … vor allem, wenn eine Groß-Edition wie die vorliegende kaum vermeiden kann, dass Musiker der verschiedenen musikalischen Lager zusammenarbeiten.

Hier ist es geglückt! Harnoncourt ist nicht Wilhelm Furtwängler begegnet und Gustav Leonhardt nicht Artur Rubinstein – leider, muss man sagen, denn sicher hätten die Begegnungen interessante Gespräche ergeben und beglückende musikalische Momente. Aber die kann man auch auf den Aufnahmen der Sammlung PASSIO erleben, die weit mehr als eine Dokumentation ist!