BWV or not CDJohann Sebastian Bach: BWV … or not?
Gli Incogniti, Amadine Beyer
Werke von Johann Sebastian Bach, Johann Georg Pisendel, Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Gottlieb Goldberg, Silvius Leopold Weiss
Aufgenommen im Februar 2017, erschienen ℗ 2017
harmonia mundi HMM 902322, im Vertrieb von Helikon Harmonia Mundi
… Amandine Beyer und ihr Ensemble Gli Incogniti zelebrieren die himmlische Musik auf höchst elegante Art …

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Dass zahlreiche Kompositionen von Johann Sebastian Bach für andere, als die ursprünglichen Besetzungen, transkribiert worden sind und werden, wissen wir. Dass aber Bach höchstselbst Stücke von Kollegen bearbeitet und diese danach herausgebracht hat, ohne dabei den jeweils eigentlichen Schöpfer zu erwähnen, das wird viele Musikfreunde erstaunen. Aber er hat’s getan … häufiger sogar, als man denken mag.

Es waren andere Zeiten: Die Begriffe „Autor“, „Recht“, „Patent“ oder „geistiges Eigentum“ hatten nur wenig Bedeutung. Jede Erfindung wurde umgehend zur Beute dessen, der sich ihrer bemächtigen wollte. Das Warum und insbesondere das Wie hatten vor dem Was den Vorrang. Man kopierte, um etwas zu studieren, um zu experimentieren, rascher voranzukommen, weil man von irgendeinem wichtigen Herzog unter Druck gesetzt wurde, aber auch, um jemanden aus Zuneigung oder aus politischen Gründen zu ehren und sogar – wenn die Vorlage berühmt war – um eines rhetorischen Effekts willen. Was die Fälschungen betrifft, so geschahen sie überwiegend aus kommerziellen Gründen: Ein großer Name vermochte alte oder minderwertige Kompositionen aufzuwerten. [Olivier Fourés im Booklet S. 16]. Ob man „echte“ Werke von Johann Sebastian Bach als solche erkannte oder erkennen musste – etwa an der musikalischen Handschrift oder der Qualität – wird immer wieder aufs Neue diskutiert und es gibt tatsächlich Werke, bei denen sich Musiker und Wissenschaftler bis heute nicht entscheiden können, ob sie zurecht in Wolfgang Schmieders „Bach-Werke-Verzeichnis“ (BWV) stehen oder von anderen Komponisten stammen.

Die auf vorliegender CD eingespielte Sonata für Violine und basso continuo von Johann Georg Pisendel (1687–1755) beispielsweise ist als BWV 1024 bekannt, dann aber mit dem Vermerk „doubtful attribution“ versehen. Amandine Beyer und Baldomero Barciela, zwei Musiker des Ensembles „Gli Incogniti“, liefern für dasselbe Werk Argumente für oder gegen die Autorenschaft Bachs … es beginnt mit einem „Adagio“, einem „rhapsodischen Rezitativ mit überraschenden Wendungen, das an die Konzerte erinnert, die Vivaldi (1678–1741) für eben diesen Pisendel schrieb“. Klare Verhältnisse? Dass Vivaldi für Pisendel Konzerte geschrieben hat oder – sagen wir – dass Pisendel Konzerte von Vivaldi verwendet hat, wie es auch Johann Sebastian Bach getan hat, zeigt noch einmal, wie Komponisten des 18. Jahrhunderts mit dem Material ihrer Kollegen umgegangen sind. Urheberrechtsgesetze hat es noch nicht gegeben, auch keine GEMA.

Ein weiteres Beispiel bringt auf der CD den Namen des großen Lautenisten Silvius Leopold Weiss (1686–1750) ins Spiel. Im Programm steht eine „Suite für Violine und obligates Cembalo“ BWV 1025 [sic], die als „Fall einer nicht eindeutigen Urheberschaft“ klassifiziert ist. Die beiden Hauptquellen für diese Komposition sind a. die Handschrift D Dl Mus. 2841–V–1 der Dresdner Landesbibliothek und b. D-B Mus.ms. Bach P 226, Faszikel 8 der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Das unter „a.“ gelistete Manuskript ist die große Dresdner Weiss-Handschrift, die unter [https://www.scribd.com/document/138104366/D-Dl-Ms-Mus-2841-V-1-Weiss-Dresden] im Internet einzusehen ist. Die Handschrift „b“ enthält ausschließlich die Cembalostimme und eine handschriftliche Anmerkung: „Dieses Sebastian Bachsche Trio habe | ich in dem Nachlass des Capellmeister Bach in Bückeburg | gefunden, aber ohne die dazugehörige Violinstimme | [Georg] Pölchau. [Vorbesitzer]. Dabei gilt der Hinweis auf den Bückeburger Bach (Johann Christoph Friedrich, 1732–1795) als „unzutreffend“.

Beyer/Barciela sind sich, was die Entstehungsgeschichte der Suite angeht, sicher, dass sie „zweifelsfrei nachvollziehbar“ ist. Sie meinen, es handle sich um „das wunderbare Beispiel einer Freundschaft zweier Komponisten und ihrer gegenseitigen Bewunderung […]. Man kann sich leicht eine Abendgesellschaft vorstellen, für die Silvius Leopold Weiss, der ebenfalls in Dresden tätige Lautenspieler, eine seiner Suiten spielt und Bach von ihrer Schönheit so ergriffen ist, dass er beschließt, sie nicht nur für Cembalo zu bearbeiten, sondern dabei auch noch eine Violinstimme hinzuzufügen. In diesem Fall war es der Name Bach, der dem Namen Weiss dazu verholfen hat, aus dem Schatten zu treten, in dem er durch sein einzig aus Werken für Laute bestehendes Repertoire allzu oft verharren musste.“ Allerdings: Wenn Bach von der Schönheit der Lautenkomposition so ergriffen war … warum hat er sie ohne Zögern für Cembalo bearbeitet? Wollte er Silvius Leopold Weiss wirklich aus dem Schatten ins Licht treten lassen?

Auf der CD befinden sich „aus Gründen des Timings“ nur die Sätze „Fantasia“ und „Rondeau“ der A-Dur-Suite. Von den fehlenden Sätzen Courante, Entrée, Sarabande, Menuett und Allegro, die – nebenbei bemerkt – im Booklet nicht einmal namentlich aufgezählt sind, „gibt es eine digitale Version, die heruntergeladen werden kann“: https://itunes.apple.com/us/album/bwv-or-not-deluxe-edition/1290335649.

Auf der CD folgen Werke, an deren Entstehen Carl Philipp Emanuel Bach mindestens beteiligt gewesen ist. Wenn es hier zu falschen Zuschreibungen kam, waren es Verwechslungen oder Irrtümer … obwohl verlässliche Aussagen über die Urheberschaft tatsächlich nicht möglich sind. So steht die Trio-Sonate BWV 1038 heute noch in zwei Werkverzeichnissen und wird zwei Mitgliedern der Familie Bach zugeschrieben – dem Vater Johann Sebastian und seinem Sohn, dem Berliner oder Hamburger Bach, Carl Philipp Emanuel.

Die Geigerin Amandine Beyer ist renommierte Spezialistin für Alte Musik. Die klangliche Balance, die sie beispielsweise in BWV 1025 zwischen sich und  dem Cembalo hält, ist bemerkenswert … besonders, weil das Tasteninstrument gelegentlich über Gebühr dominant erscheint – besonders, wenn es obligat geführt wird. Aber Amandine Beyer und ihr Ensemble Gli Incogniti zelebrieren die himmlische Musik auf die elegantest vorstellbare Art. Musik und Komponieren befanden sich, als die Suite von Weiss und deren Bearbeitung entstanden (Olivier Fourés meint, das sei 1739 gewesen) in einem Prozess der grundsätzlichen Umorientierung – die CD „BWV … or not“ vermittelt uns einen Eindruck davon, wie konsequent der Wandel vollzogen wurde und welche Musiker ihn vorantrieben. Natürlich waren Mitglieder der Familie Bach beteiligt!